Was ist Iyengar-Yoga?

Eigenschaften der Unterrichtsmethode

Wichtigkeit der AusrichtungTrik_Zeichnung

Iyengar-Yoga ist für seine Betonung auf korrekte Ausrichtung des Körpers berühmt. Eine gute Ausrichtung der Knochen und Gelenke führt zum besseren Gleichgewicht ohne unnötige Arbeit in den Muskeln. Auf diese Art und Weise gewinnen wir Stabilität in den Haltungen mit weniger Mühe. Die korrekte Ausrichtung stärkt das Herz-Kreislaufsystem, schafft Raum im Körper und bewirkt einen verbesserten Energie-Fluß, was Gesundheit und Wohlgefühl mit sich bringt. Aufmerksamkeit auf die Körperausrichtung ist etwas anderes als sich eine lange Liste von Details zu machen, die bei der Durchführung der Yoga-Haltungen (Asanas) zu beachten wären. Vielmehr handelt es sich um die Entwicklung von Körperbewußtsein, das in alle Aspekte des Lebens hineingreift.

Körperbewußtsein

Gereifte Übende können durch Verständnis der Zusammenhänge und Verbindungen im Körper Korrekturen und Verfeinerungen vornehmen, ohne den Rest des Körpers zu stören. Die Korrekturen bleiben durch das „Körper-Gedächtnis“ das Übenden erhalten. Ein verfeinertes Körperbewußtsein eröffnet die Möglichkeit, blockierte Bereiche des Körpers zu befreien. Dies ist einer der Gründe, warum Iyengar-Yoga das Wohlbefinden des Übenden nachhaltig steigern kann.

Verbindungen

Durch seinen Unterricht hat Iyengar gezeigt, wie wir Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Teilen des Körpers verstehen können. Er lehrt, dass die Wirbelsäule den Effekt der Arbeit in den Beinen empfängt. Das ist ein grundlegendes Prinzip für alle Asanas. Die Arbeit der Füße und Beine lässt sowohl in Stehhaltungen wie auch in Umkehrhaltungen die Wirbelsäule länger werden. Oft ist es uneffektiv, direkt an einem mit Problemen behafteten Bereich des Körpers zu arbeiten. Stattdessen lernen wir lieber die Verbindungen verstehen, die Aufschluß über das Problem geben. Das Üben der Haltungen bedeutet Erforschung, Entdeckung und Beherrschung der Verbindungen im Körper durch die Praxis.

Utkatas300Impulse, nicht Bewegungen

Wenn wir Iyengar-Yoga üben, entdecken wir den Unterschied zwischen einem Impuls („Action“) und einer Bewegung („Movement“). Als Anfänger kann unsere Aufmerksamkeit nur den groben Körper und externe, körperliche Bewegungen erfassen. Mit zunehmender Verfeinerung erfahren wir eine andere Möglichkeit zu üben. Wir lernen, alle Sinne zu benützen, um nicht nur das äußere, sondern auch das innere Geschehen wahrnehmen zu können. Dann kommen wir an den von Iyengar beschriebenen Punkt, „wo der Geist als Brücke zwischen den Muskelbewegungen und den Sinnesorganen in Erscheinung tritt, den Intellekt herbeiruft und diesen mit jedem Teil des Körpers verbindet.“ Wir schärfen unser Unterscheidungsvermögen und analysieren, was wir im Körper empfinden. Es geht um den „Impuls“. „Impuls“ ist, wenn wir eine innere Dehnung bewirken, eine Bewegung, die für den Außenstehenden unsichtbar bleiben kann, unseren Haltungen, jedoch, Intelligenz und Weisheit verleiht.

Die Asanas individuell abrichten

Iyengar lehrt die Wichtigkeit, die Asana-Praxis zu personalisieren durch sorgfältige Auswahl der Haltungen, ihre Reihenfolge und die Art und Weise, wie sie geübt werden (aktiv oder passiv, ungestützt oder mit Hilfsmitteln gestützt). Indem wir die Praxis individuell abrichten, können wir persönliche Bedürfnisse des Übenden berücksichtigen, seien sie physiologischer, psychologischer oder gesundheitlicher Natur.

Hilfsmittel

Ein weiterer Aspekt von Iyengar-Yoga ist die Verwendung von Yoga-Hilfsmitteln: Klötze, Decken, Gurte, Bänke u.a. Wenn eine Person von einer bestimmten Haltung profitieren würde, sie aber wegen mangelnden Könnens oder mangelnder Kraft nicht einnehmen kann, so kann ein Hilfsmittel (Englisch: „prop“ [im Sinne von „Requisite“]) hergenommen werden. Mit den Hilfsmitteln können sogar behinderte oder sehr kranke Menschen durch die Haltungen Erleichterung erfahren. Zudem erlauben Hilfsmittel jedem Schüler, länger in den Haltungen bleiben zu können. In einer Haltung nur kurz zu verweilen, beeinflusst hauptsächlich den physischen Körper. Durch längeres Verweilen dringen die Wohltaten der Praxis tiefer in die organischen und mentalen Ebenen hinein.

BKS_PadmasanaYoga-Weisheit

Diejenigen, die das Glück gehabt haben, direkt und kontinuierlich mit Iyengar zu lernen, haben nicht nur seine Worte erfahren, sondern auch seine Energie. Diese Energie hat uns immer tiefer in unsere Asanas und in unseren Körper geführt. Jeder von uns hat gelernt, unser Bestes zu geben, unsere Grenzen zu erfahren und das Unbekannte zu berühren. Das ist für jemanden ohne Führung schwierig. Wir haben gelernt, unsere Schüler nicht nur mit Anweisung und Vorzeigen zu unterrichten, sondern sie auch durch Berührung und Hilfefstellung zu führen und zu korrigieren. So erfahren sie etwas sofort, was sie ansonsten jahrelange Mühe kosten würde.

Ein lebendiger Meister

Yogacharya BKS Iyengar hat jetzt die 90 überschritten. Trotzdem hat sich der Energiepegel in seiner Übungspraxis und beim Unterricht nicht verringert. Die Verfeinerung seiner Intelligenz gedeiht weiter. In seinen Worten: „Ich dehne nicht mehr meinen Körper, wie ich das mit dreißig oder fünfzig Jahren und all diese Jahre über getan habe. Nun dehne ich meine Körperintelligenz, ich expandiere sie, so dass die Intelligenz es ist, die meinen Körper dehnt.“

 

Aufsatz von Gabriella Gubilaro, übersetzt und leicht bearbeitet von Michael Forbes ©2004